Um Fehlhaltungen und Fehlstellungen der Wirbelsäule diagnostisch zu erfassen, bedienen sich die Orthopäden in der Regel manueller Untersuchungstechniken. Darüber hinaus werden vor allem Röntgenbilder im Stehen angefertigt und ausgewertet. Auf diese Weise kann ein sachkundiger, erfahrener Arzt einen guten Einblick in das Krankheitsbild seines Patienten gewinnen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren immer mehr herausgestellt, dass solche konventionellen Diagnoseverfahren an ihre Grenzen stoßen und nicht die Funktion der Wirbelsäule entsprechend berücksichtigen.

Um diese diagnostische Lücke auszufüllen, wurden in den vergangenen Jahren neue Meßverfahren entwickelt, die es ermöglichen, exakte Zusammenhänge über die Körperstatik zu ermitteln. So steht der modernen Orthopädie heutzutage in unserer Praxis mit der lichtoptischen dreidimensionalen Untersuchungsmethode der Wirbelsäule ein Verfahren zur Verfügung, das nicht allein der Lösung vielfältiger diagnostischer Probleme dient sondern auch therapeutisch effizient genutzt werden kann.

Die sogenannte 3D Rastersterographie erzielt mit Hilfe digitaler Bildverarbeitung äußerst präzise Meßergebnisse. Auf diese Weise können eine evtl. Fehlstatik der Wirbelsäule sowie muskuläre Dysbalancen optisch genau und röntgenstrahlenfrei erfaßt werden. Da bei den eingesetzten Geräten keine Strahlenbelastung anfällt und folglich auch keine Kontraindikationen gegeben sind, eignet sich das Verfahren in besonderer Weise auch zur Früherkennung bei Kindern ab dem 5. Lebensjahr. Die Untersuchung ist für den Patienten äußerst einfach und mit wenig Zeitaufwand verbunden.

Während des Meßvorganges steht der Patient mit freiem Oberkörper und dem Rücken zum Gerät gewendet auf zwei Balanceplatten, die über eine Leuchtdiodenanzeige seinen Gleichgewichtsstand kontrollieren. Während der gesamten Untersuchung wird der Proband auf dem Monitor der Bedienungsstation live beobachtet, so dass seine korrekte Position kontrolliert werden kann. Da die Aufnahmezeit bei einer Messung weniger als eine Zehntelsekunde beträgt, ergeben sich auch bei sehr jungen und lebhaften Probanden keinerlei Komplikationen. Auch das sogenannte Standbeinproblem entfällt. Bei der Vermessung nehmen zwei Videokameras Teilbilder von der Wirbelsäule aus verschiedenen Perspektiven auf. Mit Hilfe einer computerunterstützenden Bildanalyse läßt sich aus diesen Bildern die dreidimensionale Form und Lage des Rückens rekonstruieren.

Nun ersetzt man eine der beiden Kameras durch einen Projektor mit Rasterdiapositiv, mit dessen Hilfe parallele Linien auf die Körperoberfläche projeziert werden. Da die Oberflächenform dreidimensional ist, erscheint das Linienmuster am Objekt deformiert. Das sogenannte Muster wird von einer Videokamera aufgenommen, in einen Rechner eingelesen und mit den üblichen Methoden der digitalen Bildverarbeitung analysiert.

Danach beginnt die eigentliche Untersuchung, die Vermessung der Wirbelsäulenstatik per Software. Nachdem die Patientenstammdaten eingegeben wurden, kontrolliert der Arzt das Patientenbild auf seinem Monitor sowie die computergesteuerte Definition der sogenannten vier Fixpunkte, die zur Errechnung der Meßergebnisse notwendig sind. Mit Hilfe verschiedener Programmoptionen kann die Wirbelsäule im Profil und von der Seite beurteilt werden. Dabei können Fehlstellungen wie Beckenschiefstände oder Verdrehungen der Wirbelsäule in allen Abschnitten exakt errechnet werden. Für die Therapie wirkt sich die interaktive Struktur der Anlagestation günstig aus. Der Arzt hat die Möglichkeit alle seine Untersuchungen sozusagen am digitalen Stellvertreter des Patienten vorzunehmen. Er kann z.B. über bestimmte Menüoptionen
die Balancewaage, auf der Patient steht, entsprechend dem gemessenen Beckentiefstand anheben und auf diese Weise einen Beinlängenausgleich simulieren.
Gleichzeitig kann er die Auswirkung auf die Körperhaltung und die Reaktion der Wirbelsäule verfolgen und ausgewählte Befunde als Bild ausdrucken lassen. Die Meßmethode eröffnet verschiedene Möglichkeiten, sich millimetergenau probeweise einem Idealwert, der lotgerechten Aufrichtung der Wirbelsäule des Patienten , anzunähern.

Selbstverständlich kann auch eine noch so exakte und effiziente Apparatur dem Arzt seine Verantwortung bei der therapeutischen Umsetzung des diagnostischen Befundes nicht abnehmen. Unsere ärztliche Aufgabe besteht nun darin, durch Auswertung aller Parameter ein individuell angepaßtes Behandlungskonzept zu erstellen. Ein Teil der Patienten benötigt z.B. bei Beckenschiefstand einen Längenausgleich durch Schuherhöhung, bei einem anderen Teil der Patienten empfiehlt sich eine Statikkorrektur z.B. durch propriozeptive sensomotorische Schuhspezialeinlagen, die die für die Haltung verantwortlichen Muskelketten an der Fußsohle aktivieren. Wir erreichen in jedem Fall durch die 3-D- Wirbelsäulenvermessung therapeutische Optionen zur Haltungsverbesserung des Bewegungsapparates unserer Patienten. In den meisten Fällen sind darüber hinaus eine begleitende chirotherapeutische und krankengymnastische Behandlung oder ein qualifiziertes Rückenmuskelaufbautraining z.B. nach dem FPZ Konzept empfehlenswert.